Eine überraschende Entdeckung in Maymyo

Eine überraschende Entdeckung in Maymyo

Seitdem ich vor einem Jahr nach Maymyo (Pyin Oo Lwin) gezogen bin, hat mich die religiöse Vielfalt dieser Stadt fasziniert: Buddhisten, Hindus, Moslems, Christen aller Schattierungen haben hier ihre Gebetshäuser errichtet. Nicht zu vergessen die Animisten. Der berühmte Nat Ko Myo Shin ist schließlich hier daheim, der berühmte Herr der Neun Städte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo anders in Myanmar eine derartige Vielfalt gibt.

Doch selbst hier gibt es immer wieder neue Überraschungen. Bei meinen Ausflügen in die Umgebung stieß ich auf den Gumba-Tempel. Bei google maps als buddhistischer Tempel ausgewiesen. Ich erwartete einen chinesischen Tempel oder ein burmesisches Kloster. Und was fand ich? Einen tibetischen Tempel! Also eine mahayana-buddhistische Kultstätte, in der die tibetische Version des Mahayana gepflegt wird. Tibeter in Myanmar? Nun, hierzulande gibt es ein buntes Völkergemisch, da überrascht einen so leicht nichts. Aber es sind keine Tibeter, die diesen Tempel betreiben. Es sind Angehörige des Volkes der Tamang. Sie stammen aus Nepal, wo sie heute ca. 6 % der Bevölkerung (ca. 1.5 Millionen) ausmachen. Zahlenmäßig sind sie eines der größten Bergvölker des Landes. Über ihre Geschichte ist wenig bekannt, aber sie zählen mit Sicherheit zu den Völkern, die am längsten in Nepal leben. Sie wanderten vermutlich vor mehr als dreitausend Jahren vom tibetischen Plateau hinab in das Gebiet, das heute Nepal genannt wird. Die Tamang verfügen über eine eigene Kultur, Tradition und Sprache (tibeto-burmanische Sprachfamilie) sowie ein Alphabet, das vom tibetischen Alphabet abgeleitet ist. 90 % der Tamang hängen dem tibetischen Buddhismus an. Ihr Kalender ist stark an den chinesischen mit seinem Zwölfjahreszyklus angelehnt. Wie auch andere Bergvölker des Landes spielen sie in Nepal eine untergeordnete Rolle. Die meisten betreiben Landwirtschaft in den Bergen und viele sind als Träger für Trekking-Expeditionen tätig. So mancher Träger, der von den Touristen als Sherpa betrachtet wird, ist in Wirklichkeit ein Tamang. Etliche sind Soldaten und in dieser Rolle kamen sie vermutlich auch nach Burma. Merke: Nicht jeder Gurkha gehört dem gleichnamigen Volk an und ist ein Hindu. Er kann auch einem anderen nepalesischen Volk angehören! Wie z. B. den Tamang. In Myanmar gibt es ca. 350 Tamang-Haushalte, fast die Hälfte davon lebt in Maymyo (Pyin Oo Lwin). Merkwürdigerweise nennen die Tamang ihren Tempel manchmal selbst Gurkha-Tempel, obwohl die Gurkhas definitiv Hindus sind.

Der Tempel mit angeschlossenem Kloster liegt im Norden von Pyin Oo Lwin. Er ist der größte dieses Volkes (andere z. B. in Myitkyina und Yangon). Er wurde von einem Tamang-Guru namens Sri Nathung gegründet, der 1933 nach British Burma kam. Bereits zwei Jahre später stand das Kloster und heute ist es zu einer imposanten Anlage gediehen. Der noch erhaltene alte hölzerne Bau wurde durch einen Ziegelbau ersetzt und der kleine Tempel ausgebaut. Wie mir der Abt des Klosters, Herr Yang Lama, erzählte, besteht der Plan, den Tempel mit 108 Gebetsmühlen zu umgeben. Derzeit leben in dem Kloster fünf Mönche und ein Novize. Zu den großen Festen reisen die Gläubigen aus dem ganzen Lande an. Rechts vom Tempel sind etliche Chörten (tibetische Stupas zu sehen).

Blick in den Tempelhof
Kapelle für Guru Shri Nathung, den Begründer des Tempels (mit Planetenandachtsstätte)
Bhavachakra
Tamang-Horoskop
Tempeleingang
Altar mit tibetischen Gottheiten

Happy Thingyan!

Das ausgefallene Wasserfest 2020 wird allen Leuten hier in Myanmar definitive für lange Zeit in Erinnerung bleiben. Vor allem die Älteren empfanden den Ausfall womöglich als Segen: Keine laute Musik, keine Horden von Betrunkenen. Stattdessen meditative Stille. Für viele junge Leute war es sicher eine große Enttäuschung. Auch für jene, die mit dem Aufbau und der Vermietung von Tribünen viel Geld verdienen. Und auch LKW-Besitzer sowie Musiker und Tänzer mussten leiden. Wie auch immer, ich wünsche euch allen ein frohes Neues Jahr 1382 Burmese Era. Diese Zeitrechnung (thekari’) wurde früher in weiten Teilen Südostasien benutzt. Heutzutage sieht es so aus, dass sie nur noch Myanmar von Bedeutung ist. Sie wird zur Datierung traditioneller Feierlichkeiten benutzt. Manch ein Leser mag sich schon Gedanken darüber gemacht haben, warum die Daten burmesischer Festivals sich dauernd ändern. In einem Jahr fällt Thadingyut in den Oktober, im nächsten dann in den September. Das Neujahrsfest hingegen ist immer am 17. April. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die Burmesen einen Lunisolarkalender benutzen. Die Monate folgen dem Mondkalender, die Jahre hingegen dem Sonnenkalender. Daher wird regelmäßig ein Schaltmonat (2nd Waso) eingefügt.

Was passiert denn nun eigentlich genau an Thingyan? Das burmesische Wort ist eine Verfälschung des Sanskritwortes Sankranti, das Übergang bedeutet. Um diesen Tag herum wandert die Sonne ins Sternbild Widder. Wie allgemein bekannt, beginnt das Wasserfest am 13. April. Es ist noch nicht sehr lange her, dass die Thingyan holidays zehn Tage dauerten. Vor einiger Zeit wurden sie verkürzt, um zu verhindern, dass das ganze Land für so eine lange Zeit still steht. Jedoch: Keine Sorge! Die ‘verlorenen’ Tage werden nachgeholt, indem andere Feiertage verlängert werden, z. B. Thadingyut.

Am 17. April kommt der Götterkönig Thagyarmin (Sakka), der Herrscher von Tavatimsa, mit seinem wunderschönen Prachtwagen aus seinem himmlischen Domizil auf die Erde hinunter. Der Wagen wird von Matali gelenkt. Dieser trägt zwei Bücher mit sich. Eines mit goldenem Einband, das andere mit einem Einband aus Hundeleder. In einem sind die guten Taten der Gläubigen notiert, in anderen die schlechten. Vielleicht könnt ihr mal raten, welche Taten in welchem Buch festgehalten werden … Dann belohnt Thagyarmin jene, die mit guten Taten Verdienste erworben haben und bestraft jene, die das Gegenteil getan haben. Oben stehendes Foto zeigt den Eingang eines verfallenden kleinen Tempels in Indein (Inle Lake). Links sieht man Matali, der in sein Buch schreibt. Rechts ist Thagyarmin zu sehen, der aus einem Kännchen den Nektar der Unsterblichkeit (amrita, ambrosia) ausgießt. Diese Figur ist auch auf den Shwedagon oft zu sehen, z. B. an den Planetenandachtsstätten. Er ist derjenige, der hinter der Buddhastatue steht und eine Sakralmuschel (conch) in den Händen hält. Aus dieser gießt er den Nektar der Unsterblichkeit über die Buddhastatue.

Wie zu erwarten, gibt es mehrere Legenden über das Wasserfest. Eine davon erzählt die Geschichte des Roten Brahma (Athi). Der ging eine Wette mit Thagyarmin ein, in der er behauptete, dass die Woche acht Tage hat. Der Verlierer sollte seinen Kopf einbüßen. Nach burmesischem Verständnis hatte er sicher Recht, aber das half ihm nicht viel. Widerstrebend schlug ihm also Thagayarmin den Kopf ab. Um ihn jedoch am Leben zu halten, sandte er einen weisen Mann aus, den er beauftragte, ihm den Kopf des ersten Lebewesens zu bringen, dem er begegnete. Dies war ein goldener Elefant. Seitdem ist er unter dem Namen Maha Peinne (große Wonne) bekannt. Er ist den Menschen zugetan, weil einer von ihnen ihm das Leben gerettet hat. Mahapeinne ist mit der Hindu-Gottheit Ganesh identisch. Die Burmesen verehren ihn als nat (siehe nebenstehendes Foto im Geisterschrein von Mt. Popa). Wie auch immer, der wieder gewonnene Kopf löste ein anderes, viel schwerwiegenderes Problem nicht. Athi’s abgeschlagener Kopf war so heiß, dass er die ganze Erde verbrannt hätte, wenn er sie berührte. Daher übergab Thagyarmin den Kopf an sieben Göttinen (nat thami), die ihn abwechselnd für je ein Jahr aufbewahren sollten. Zu Thingyan wurde der Kopf an die Nächste übergeben. Und um den Kopf abzukühlen, wurde er ausgiebig mit Wasser begossen. Generell kann man wohl davon ausgehen, dass durch die Wassergüsse die Sünden des vergangenen Jahres abgewaschen werden sollten. Zudem stellt es eine Bitte um Regen dar. Oftmals fällt der erste Regen zur Zeit des Wasserfestes.

Einer anderen Legende zufolge versprach Thagyarmin’s dem Buddha Gautama, sich um die Menschen zu kümmern. Vor allem in der zweiten Hälfte der 5.000 Jahre, die seine Lehre überdauern sollte. Denn ursprünglich waren es nur 2.500 Jahre, die Verlängerung wurde auf Thagyarmin’s Bitte hin gewährt. Daher kommt er jedes Jahr zum Wasserfest zur Erde hinab, um zu sehen, ob alles seine Richtigkeit hat. Üblicherweise tut er das nur, wenn sich sein Thron aufheizt. Das bedeutet, dass irgendwo in der Menschenwelt etwas nicht in Ordnung ist. Wenn man sich die Welt heute anschaut, fragt man sich, ob er überhaupt noch Zeit hat, auf seinem Thron zu sitzen. Gemäß der buddhistischen Lehre sind die Menschen Nachkommen von Wesen, die ursprünglich in den oberen Regionen (bhumi) des Mt. Meru lebten. Nach der Zerstörung der niederen Welten kamen sie auf die Erde hinab. Sie waren ätherische Wesen, die frei von den drei unheilbaren Wurzeln (akasamulas), d. h. Gier, Zorn und Ignoranz (lobha, dosa, moha). waren. Alle ihre Bedürfnisse wurden durch den Wunschbaum (burm.: padetha pin, Sanskrit: kalpavriksha) gedeckt, der auf dem Nördlichen Kontinent (Uttarakuru) stand (siehe Foto aus dem Pawon Tempel, Java, 8. Jhdt. A.D.) Wir können davon ausgehen, dass kein Wunsch unerfüllt blieb, den das Teil hatte einen Durchmesser von 15 yuzanas (ca. 300 km). Allerdings hatte die Sache einen Haken: Niemand durfte mehr als das vom Wunschbaum pflücken, als er benötigte. Das scheint auch eine Weile geklappt zu haben. Doch dann wurden die Menschen von der Gier (lobha) überwältigt und begannen, die ‚Früchte‘ des Baumes zu horten. Wie zu erwarten, entwickelten sich daraus Konflikte, die zu Streitigkeiten führten und schließlich brachen Kämpfe (dosa) aus. Der Baum verkümmerte. Dann aßen die ätherischen Wesen von der ‚süßen Erde‘ und mutierten zu körperlichen Wesen. Dadurch verloren sie ihre Leuchtkraft und bekamen Angst vor der Dunkelheit. Daraufhin bat Thagayarmin den Sonnengott, den Mondgott und die Götter der Sterne sich den Menschen zu zeigen. Seitdem erleuchten sie Tag und Nacht. (man beachte die Ähnlichkeit mit der Vertreibung aus dem Paradies).

Doch keine Sorge, die Wunschbäume sind nicht für immer verloren! Einmal im Jahr feiern sie ein Comeback, und zwar zum Kathein-Fest (im Monat Tazaungmon/Oktober-November). Dann werden überall im Lande pyramidenförmige hölzerne Gestelle aufgebaut (Weihnachtsbäumen nicht unähnlich), die padetha pin genannt werden. Die Gläubigen dekorieren sie mit Geschenken für das Kloster. Ursprünglich wurden nur Mönchsroben geschenkt, aber heute finden sich alle möglichen Gebrauchsgegenstände an diesen Gesellen. Dadurch erhalten auch arme Leute die Chance, etwas für ihr Karma zu tun, indem sie ein kleines Geschenk dranhängen. Auch Geld wird gespendet, oft in originellen Formen (siehe Foto). Dies widerspricht im Grunde genommen den Ordensregeln, denen zufolge ein Mönch kein Geld berühren darf. Wenn der ‘Baum’ voll ist, wird er mit großem Brimborium zum Kloster gebracht. Andere Aktivitäten an diesem Tag umfassen Wettbewerbe im Weben von Mönchsroben. Frauen und Mädchen aus verschiedenen Dörfern/Stadtteilen weben um die Wette. Wer zuerst fertig ist, hat gewonnen und erwirbt viel Verdienst.

Die Geschichte vom Platintopf

Bevor ich nach Pyin Oo Lwin zog, habe ich mir manchmal das Büffet-Dinner im Sule Shangri La (früher Traders Hotel) gegönnt. Dann setzte ich mich immer ans Fenster, so dass ich das frühere Dagon Hotel (früher Orient Hotel genannt) im Blick hatte. Es lag rechts neben dem Backsteingebäude, das bis heute die Myanmar Bible Society beherbergt. Und warum? Pure Nostalgie! Denn dort habe ich bis in die 90er Jahre oft gewohnt, wenn ich in Yangon war. Das Hotel war im zweiten und dritten Stock des Gebäudes untergebracht. Es war eines von sieben in der Stadt, die Ausländer aufnehmen durften. Die Zimmer waren bessere Verschläge, spärlich möbliert mit einem Etagenbett, einem Tischchen und einem Stuhl. Allerdings konnte man für fünf Dollar wohl nicht mehr erwarten. Es gab auch einen Deluxe Room, für mich lange unerschwinglich. Die Bäder (eines pro Etage) waren auf dem Flur, ebenso wie die Toiletten. Das war damals übrigens auch bei den meisten Zimmern im Strand Hotel der Fall. Dort, wo heute das Sule Shangri La steht, standen lauter schöne alte Häuser. Es gab ein Kino und die ‚People’s Patisserie‘. Dort bekam man mit etwas Glück die ‚Working People’s Daily‘.

Dann musste ich immer wieder an eine Geschichte denken, die sich an einem schönen Dezembertag im Jahre 1980 ereignete. Ich hatte meinen Mittagsschlaf beendet, geduscht und war unbeschadet die steile Stiege hinab gelangt. Vorbei an den im ersten Stock versammelten Alkoholikern der burmesischen Metropole. Unten in der Bäckerei hatte ich mir einen Fancy Cake sowie eine Tasse Tee zu Gemüte geführt. Nun begab ich mich Richtung Sule Pagode, um im Brillenladen meines tamilischen Schwarzhändler-Freundes Victor unweit des Diplomatic Store Geld zu tauschen. Als ich gerade die Anawrahta-Straße überquert hatte, sprach mich ein etwa 30-jähriger, sehr gepflegt wirkender Burmese in ausgezeichnetem Englisch an. Er trug einen grünen Longyi, ein blütenweißes Hemd und die landesüblichen Schlappen, über seiner Schulter hing der unvermeidliche Shan Shoulder Bag. Nach einer recht blumigen und umständlichen Einleitung, während derer er sich des Öfteren nervös umschaute, kam der Mann schließlich zur Sache: Er entstamme einer reichen Familie, die aber aufgrund der Misswirtschaft der sozialistischen Regierung völlig verarmt sei. Alles habe man ihnen weggenommen, sogar das Fahrrad. Nur durch einen genialen Trick gelang es, den größten Familienschatz zu retten: einen Barren Platin! Den habe man eingeschmolzen und in einen ordinären Kochtopf verwandelt – aber einen, der es in sich hatte! Zur Tarnung habe man ihn noch geschwärzt und der Gegenstand, den der Mann dann geheimtuerisch aus seinem Beutel zog, sah wirklich aus wie ein ganz ordinärer Kochtopf – nur etwas schwerer als üblich war er. Und genau diesen Kochtopf bot der Mann nun ausgerechnet mir an, dem zotteligen Hippietypen mit Rauschebart und Ringelhemd: Er sollte nur fünftausend Dollar kosten, war aber angeblich zwanzigtausend wert. Ein echtes Schnäppchen! Und was dachte ich engstirniger Traveller, der zum sechsten Mal in seinem Leben in Rangun war? „Ein Kochtopf aus Platin – das ist wirklich der größte Quatsch, den ich je gehört habe!“. Und so entging mir womöglich das Geschäft meines Lebens! Ich lachte den Mann aus und ging meiner Wege.

Dabei hätte ich es besser wissen sollen: Hatte nicht der Bodhisatta*, der spätere Gotama Buddha, höchstpersönlich einen ganz ähnlichen Topf (der allerdings aus Gold) gegen wertloses Gerümpel und ein paar Kupfermünzen eingetauscht? So berichtet es jedenfalls die Serivanijan-Jataka, die im Ananda-Kloster in Bagan zu bewundern ist. Zwar hatte ich das Kloster schon besucht aber natürlich nichts von den Wandmalereien kapiert – das kam erst später. Hier kommt die Story: Einst wurde der Bodhisatta als dealer in pots and pans in in der Stadt Serivan inkarniert. Zusammen mit einem Kollegen klapperte er die Dörfer der Umgebung ab und verkaufte dort seine Waren. Wenn die beiden in einem der typischen Straßendörfer ankamen, trennten sich ihre Wege: Einer arbeitete die rechts der Straße gelegenen Häuser ab, der andere die gegenüber liegende Seite. Dann trafen Sie sich an der Straße wieder und nun beackerten beide nochmals die vorher von dem Kollegen abgelaufene Seite. So kam es, dass der Kollege des Bodhisatta auf seiner Tour an einem ärmlichen Haus vorbei kam, in dem eine alte Frau mit ihrer Tochter wohnte. Beide waren früher einmal reich gewesen, aber sie hatten durch unglückliche Umstände alles verloren und lebten in Armut. Nur ein alter verbeulter rußgeschwärzter Kochtopf war ihnen aus dem früheren Leben geblieben – und der war mittlerweile schon recht löchrig geworden, sodass darin keine Speisen mehr zubereitet werden konnten. Als der Topfhändler vorüber kam, bat ihn die alte Frau herein und zeigte ihm den Topf mit der Bitte, ihn gegen einen neuen einzutauschen. „Einen alten gegen einen neuen Topf? Warum sollte ich das tun?“ fragte er. Die alte Frau begann zu weinen und so ließ er sich dazu herab, den Topf einmal genauer anzuschauen. Er kratzte am Boden und erbleichte – der Topf war aus purem Gold! Er ließ sich jedoch nichts anmerken und sagte zu der Frau: „Gut, ich tausche den Topf gegen einen neuen, kleineren, aber ihr müsst mir noch drei Kupferstücke dazu geben?“ – „Herr, wir haben überhaupt kein Geld! Seid doch barmherzig, nehmt den Topf und gebt uns einen neuen – wir haben schon drei Tage nichts Warmes mehr gegessen!“ „Es sind doch nur drei Kupferstücke, die könnt ihr euch doch bei euren Nachbarn leihen! Ich komme nach einer Weile wieder, besorgt Euch inzwischen das Geld!“ war die barsche Antwort des Händlers, der sich seines Weges begab – natürlich mit dem festen Vorsatz, später den goldenen Topf mitzunehmen. Weinend blieben die beiden Frauen zurück. Aber der betrügerische Händler hatte seine Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn nicht viel später kam der Bodhisatta am Haus der Frauen vorbei. Sie klagten ihm ihr Leid und aus Mitleid schaute er sich ebenfalls den Topf an, kratzte am Boden und kam zu demselben Ergebnis wie sein Kollege: Der Topf war aus purem Gold! „Gute Frau!“ sagte er „dieser Topf ist aus purem Gold und weit mehr wert als alle Waren und das Bargeld, das ich bei mir habe. Ich wäre ein Betrüger, wenn ich dem Tauschgeschäft zustimmen würde!“ „Bitte, bitte!“ bettelte die alte Frau und nach langem Hin und Her ließ sich der Bodhisatta umstimmen: Er übergab sämtliche Waren und sein gesamtes Bargeld (nur das Geld für die Fähre über den Fluss behielt er) den beiden Frauen, nahm den Topf und machte sich auf den Heimweg, ohne auf seinen Kollegen zu warten. Es dauerte nicht lange, bis der zum Haus der Frauen kam und fragte: „Na, habt ihr euch das Geld besorgen können?“ – „Du Betrüger!“ schimpfte die Alte, „Dein ehrlicher Kollege war gerade da und hat uns die Wahrheit gesagt! Verschwinde, bevor ich dich mit dem Besen aus dem Haus jage!“ Wutentbrannt warf der Betrüger seine Waren und sein gesamtes Geld auf den Boden und stampfte davon, um seinen Kollegen zur Rede zu stellen. Als er den Fluss erreichte, sah er den Bodhisatta in der Mitte des Flusses auf dem Boot! Er schrie wie besessen dessen Namen und forderte ihn auf zurückzukommen. Doch der ignorierte ihn. Das Herz des Betrügers ‚wurde heiß, Blut stürzte aus seinem Mund und sein Herz zerbrach wie der Lehm auf dem Boden eines ausgetrockneten Teiches …‘ Nur am Rande sei erwähnt, dass der Betrüger später als der Erzfeind des Erleuchteten, Devadatta, inkarniert wurde – und wieder scheiterte er an seiner Gier und fuhr zur Hölle. Ja, hätte ich diese Geschichte damals schon bekannt, wäre ich heute vermutlich ein reicher Mann. Aber ehrlich gesagt hatte ich damals auch keine fünftausend Dollar klein …

*Bodhisatta (Pali, Bodhisattva/Sanskrit) bedeutet ‚Erleuchtungswesen’ auf dem Pfad zu Buddhaschaft. Sie können in menschlicher oder Tiergestalt erscheinen. In der Regel haben sie den Beschluss gefasst, ein Buddha zu werden, und dieser wurde durch die Voraussage eines lebenden Buddha bestätigt.

**Jataka (Geburtsgeschichten) sind die kanonischen Geschichten der Existenzen des historischen Buddhas Gotama (Sanskrit: Gautama), bevor er als Letzterer inkarniert wurde. In diesen Geschichten wird er als Bodhisatta (siehe oben) bezeichnet. Nach der Überlieferung hat es 547 dokumentierte kanonische Existenzen gegeben. Sie sind von sehr unterschiedlicher Länge und Ausführlichkeit. Die erste ist die Apannaka –Jataka, die von zwei Kaufleuten erzählt, die durch die Wüste reisen. Der Erste geht zugrunde, der Zweite hingegen (der Bodhisatta) erreicht aufgrund seiner Weisheit sicher das Ziel. Die letzte Jataka ist die des Königs Vessantara, der alles aufgibt und so großes Verdienst erwirbt, dass er als Gotama reinkarniert wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Zahl alle Existenzen des Bodhisatta umfasst. Daneben gibt es ungezählte weitere. Die jedoch nicht erfasst sind. Die Burmesen nennen eine Zahl von 550. Unter den drei zusätzlichen jatakas ist die des Einsiedlers Sumedha, dessen Bild in vielen Tempeln zu sehen ist.

Yangon – now and then!

Als ich Ende Oktober 2016 auf dem internationalen Flughafen in Yangon ankam und über die neuen Flyover die von glitzernden Fassaden geprägte Pyay Road hinunterfuhr, kam mir in den Sinn, wie es damals, vor 40 Jahren war, als ich zum ersten Mal in Rangoon landete. Damals flog pro Tag eine Maschine der THAI und gelegentlich eine der burmesischen Staatsairline. Heute dagegen landen täglich Dutzende von internationalen Flügen in Yangon. Und zwar bei Tag und bei Nacht! Sehr zum Leidwesen der lärmgeplagten Anwohner!

20. August 1977, 1930 hrs, Rangoon, Burma

Ein hellblauer Buick Super 51 Sedan (Baujahr 1946) rast mit Standlicht durch die burmesische Hauptstadt Rangoon. Die Karre klappert an allen Ecken und Enden, aber das scheint den Fahrer nicht weiter zu stören. Ebensowenig die Tatsache, dass man die Fenster nur halb hochkurbeln kann und es hereinregnet. Das Taxi ist auf dem Weg vom Rangooner Flughafen Mingaladon zur Innenstadt. Es regnet in Strömen und es ist stockdunkel. Nur ab und zu blitzt ein Licht am Straßenrand auf: eine Neonlampe, eine Kerze, eine flackernde Glühbirne. Gelegentlich kommt ein Auto entgegen, gelegentlich überholt das Taxi eine Rikscha. An Bord drei Hippies (darunter der Chronist), die sich wundern: Rangoon soll eine Millionenstadt sein! Wir haben seit der Abfahrt vom Flughafen keinen Menschen mehr gesehen. Was ist hier los? Wo sind die Millionen? Der Fahrer ist ein einäugiger Inder namens One Eyed Joe. Ein fetter, ungepflegter Mann. Seine Kleidung besteht aus einem verschwitzten Unterhemd, einem Wickelrock und Gummilatschen. Und er ist äußerst redselig! Er versucht, uns unsere mitgebrachten Schätze zum Schnäppchenpreis abzuschwatzen: drei Flaschen Johnny Walker Red Label und drei Stangen Triple Five Zigaretten. Wir wimmeln ihn ab – von der Masche haben wir schon gehört. Morgen bekommen wir das Doppelte dafür! Außerdem haben wir doch schon burmesisches Geld! Bei einem indischen Moneychanger in Penang kauften wir burmesisches Geld zur Rate von 20 Kyat für einen Dollar – dreimal so hoch wie der offizielle Kurs.

Schließlich erreichten wir das Thamada-Hotel, eines der besseren unter den sieben in der Stadt, die damals Ausländer aufnehmen durften. Es kam uns recht herunter gekommen vor. Und doch war es hotelmäßig der Höhepunkt unserer Burmareise! Wir sollten noch ganz anderes sehen… Wir legten unsere Pässe und die Money Form vor und checkten ein. Wir bekamen unsere bescheidenen Zimmer – immerhin mit Aircondition. Rangoons Restaurantszene war ausgesprochen überschaubar: neben den Hotelrestaurants gab es nur zwei weitere, die von der kleinen ausländischen Gemeinde als ’sicher‘ angesehen wurden: das heute noch existierende Red Ruby in der Bo Aung Kyaw Street gegenüber der Hauptpost und Burma Kitchen in der Shwegondine Road. Beide existieren noch heute, ersteres unter seinem alten Namen und letzteres ist seit langem ein japanisches Restaurant mit dem Namen Furusato. Daher gingen wir in das im 1. Stock gelegene Restaurant des Hotels. Dort sah ich zum ersten Mal jene Speisekarte, die in allen staatlichen Hotels des Landes identisch war. In Yangon gab es manchmal sogar Lobster Thermidor. Der Kellner war erstaunlich elegant gekleidet, er trug eine schwarze Hose, sein sauberstes dreckiges weißes Hemd und eine Fliege. Ein Anflug von Noblesse in einem an die DDR gemahnenden Ambiente. Sogar Schuhe hatte er an! Er servierte fachgerecht unser Essen, vor allem gefiel mir, wie er die Erben von der Platte mit Messer und Gabel auf meinen Teller beförderte. Das Gefühl, dass dieses Land eine irgendwie in die Tropen gelangte DDR war verließ mich über einen langen Zeitraum nicht… Und ich liebte es! Anschließend gingen wir aufs Zimmer und ließen die Geschehnisse des Tages Revue passieren: Was für ein Tag lag hinter uns!

Nach einer kurzen aber lebhaften Nacht mit meiner kleinen Thai-Freundin Nit im Atlanta Hotel Bangkok hatte es morgens um sechs heftig an der Tür geklopft. ‘Open up! Police!‘. Hätte ich eine Hose angehabt, wäre mir sicher das Herz hineingerutscht! Ich warf mir eines der ausgelutschten Atlanta-Handtücher um die Hüften und öffnete die Tür. Vor mir standen zwei Bullen mit finsteren Gesichtern. Sie ignorierten das Mädel, das ängstlich an die Rückwand des Doppelbettes gelehnt saß, die Bettdecke bis zur Nase hochgezogen. Und hoben die Matratzen hoch. Darunter lagen die von mir am Vortag als gestohlen gemeldeten Travellerschecks. Ich sah mich schon im Gefängnis, dem berüchtigten Bangkok Hilton. Doch sie ließen die Matratze wieder runter. Dann widmeten sie sich meinem Gepäck: dem Rucksack und meinem Krokodilleder-Diplomatenkoffer, den ich als Pfand für geliehene 70 DM von Robert Weide bekommen hatte. Nach einer kurzen Durchsuchung des Zimmers verabschiedeten sie sich. Nur ’ne Rauschgiftrazzia – Schwein gehabt … Nachdem wir den Schreck verdaut hatten, legten wir uns wieder hin und kuschelten noch ein bisschen. Dann um 9 Uhr runter zum Frühstück. Dort trafen wir Robert Weide, der mir bei dieser Gelegenheit mein Geld wiedergeben sollte. Wie zu erwarten, hatte er es nicht besorgen können. So wurde ich Eigentümer eines Kroko-Diplomatenkoffers. Passte sehr gut zu meinem amerikanischen Army-Rucksack! Ein paar Wochen später tauschte ich den Koffer in Delhi gegen einen Haufen gehäkelter Baumwolllampen. Sie bildeten die Grundlage für meine späteren Handelsgeschäfte, die mich vom Flohmarkt über einen edlen Laden am Berliner Kudamm bis zu einem Geschäft am Bahnhof Zoo führten.

Die Zeit bis zum frühen Nachmittag verbrachten wir am Swimmingpool des Hotels. Dann ging es mit dem Public Bus (Aircon No. 11) zum Bangkoker Flughafen Don Mueang. Wir (mein Freund Yves, ein Belgier namens Philippe und ich) hatten einen Flug mit Burma Airways von Bangkok nach Kathmandu gebucht. Mit Stopover in Rangoon. Im Duty-Free-Shop am Flughafen kauften sich jeder von uns eine Flasche Johnny Walker Red Label und eine Stange 555-Zigaretten. Von der Marke hatte ich noch nie was gehört, aber in Burma war sie offenbar sehr beliebt. Gerüchten zufolge konnte man vom Verkauferlös eine Woche in Burma finanzieren. Mit Ausnahme von Hotels und Tickets für Flüge und die Eisenbahn. Der Flieger der Burma Airways sah nicht besonders vertrauenerweckend aus: eine alte Fokker Friendship, in der mal gerade 52 Passagiere Platz fanden. Als wir unser Gepäck in der Ablage verstauen wollten, staunten wir nicht schlecht: Alle Fächer waren voll mit Johnny Walker und 555-Kartons. Die recht hübschen Stewardessen baten uns, das Gepäck unter dem Sitz zu verstauen. Wer kann schon einer jungen Dame einen solchen Wunsch abschlagen? Zumal es nur ein kurzer Flug von etwas mehr als einer Stunde war. Immerhin gab es Bordverpflegung. Jeder von uns bekam einen weißen Karton. Als ich ihn öffnete, spazierte da ganz frech eine Kakerlake heraus. Unfassbar! Aber der Kuchen (in Plastik eingewickelt) und die Orange waren o.k … Als wir ankamen regnete es in Strömen. Leute mit Regenschirmen geleiteten uns vom Flieger zur Immigration. Der Flughafen war sehr übersichtlich und die Abfertigung schnell erledigt. Das Komplizierteste war noch das Ausfüllen der sog. ‚Form‘ – hier mussten alle mitgeführten Zahlungsmittel eingetragen werden, die man dann gegen lokale Währung eintauschen konnte. Alles war in Kyat zu bezahlen. Jede Transaktion (Umtausch, Übernachtung, Bahnfahrt, Flug) wurde auf der Form eingetragen. Wenn nicht mehr genug drauf war, musste man nachtauschen – sehr kompliziert und es erinnerte mich an die DDR. Wie es übrigens eine ganze Reihe von Parallelen zum Mauerstaat gab. Aber die Leute waren von so umwerfender Freundlichkeit, dass man diese kleinen Unannehmlichkeiten getrost vergessen konnte. Vor dem Flughafen erwartete uns eine wild gestikulierende Horde von Schleppern und Taxifahrern, die uns zu völlig überhöhten Preisen zum Hotel bringen wollten. Aber nicht mit uns! Wir handelten den Fahrer auf einen Dollar runter und los ging die Fahrt.

Wir konnten vor unserem Besuch dort mit dem Namen Burma wenig anfangen. Das Land war damals eher noch unbekannter als es heute ist: 20.000 Besucher (von den Touristen sicher nur einen Bruchteil darstellten) pro Jahr hatten sich 1977 dorthin verirrt. Wir waren also in exklusiver Gesellschaft. Viele Leute ließen sich davon abschrecken, dass man nur eine Woche im Lande bleiben durfte. Aber da es für uns ja nur ein Zwischenstopp war, störte es uns nicht. Dieser Besuch sollte mein Leben verändern. Wir (d.h. ich und mein Kumpel Yves) hatten etwa die Hälfte unserer ersten großen Reise von Bali bis Sri Lanka (überwiegend ‚overland‘) hinter uns gebracht und uns in Penang überlegt, dass wir doch eigentlich auf dem Weg von Bangkok nach Kathmandu einen Stopp in Burma einlegen könnten.

Am nächsten Morgen bummelten wir durch die Downtown. Unsere Zigaretten und den Whisky waren wir schnell los: 300 % Profit, not bad! Das waren echte Statussymbole! Viele hatten sie in ihren Regalen stehen. Neben Familienfotos und Schnickschnack. Wenn die Flasche leer war, wurde sie mit Tee gefüllt und so getan, als ob! Die Flaschen dienten (mancherorts bis heute!) auch als halboffizielles amtliches Maß, z. B. wurde Benzin darin verkauft. One Eyed Joe hatte uns erzählt, dass wir unbedingt die May Hla Mu Pagode in Myauk Okkalapa besuchen müssten. Das Highlight schlechthin. Und gut für seine Kasse! Wir wähnten uns schon halb im Dschungel. Nachmittags besichtigten wir die Shwedagon-Pagode im Regen. Auf den Straßen gab es kaum Autos. Neben klapprigen Straßenkreuzern sah man ein paar englische Austins und burmesische Ko-Produktionen mit der japanischen Firma Mazda. Aber ohne Wankel-Motor. Dafür stolze 360 oder sogar 600 ccm. Die mit vier Rädern (immer blau!) erinnerten an den DDR-Trabi, die mit dreien (auch Mazda-Kooperation) an den 50er Borgward Goliath. Auffallend war das Fehlen von Zweirädern. Wie wir später hörten, waren die in Yangon verboten! Ein echter Knaller waren die Busse: Uralte grüne Bedfords und Chevrolets aus den 40er Jahren! Umgebaute Militär-LKWs aus Kanada mit Holzaufbauten! Die Destinationen konnte man nicht lesen, alles in Brezelschrift. Und die Leute saßen darin, als wenn es das Normalste von der Welt sei, in so einem antiken Teil herumzufahren. Bis dahin hätte ich so etwas eher als Jahrmarktsattraktion betrachtet.

Abends noch schnell zu Tourist Burma an der Sule-Pagode, wo wir uns für den nächsten Tag Zugtickets nach Mandalay kauften. Abschließend ein kleiner Bummel durch die Gassen in der Nähe des Büros. Es war eine zauberhafte Atmosphäre: Jugendliche saßen an den Straßen und sangen zu Gitarrenbegleitung. Als wir vorbeiliefen, gab es ein großes Hallo und sie grüßten uns freundlich. In Rangoon waren Ausländer offenbar eine Seltenheit! Aber auch hier keine Autos zu sehen. Die Leute saßen in ihren zur Straße offenen Wohnungen, man konnte sozusagen an ihrem Leben teilhaben. Und dann sahen wir auch, wo die Autos waren: Sie standen in den Wohnungen! Wir hatten uns schon gewundert, wofür die Rampen waren, die von der Straße in einige Wohnungen führten. Offenbar stellten Auto hier einen großen Wert dar und mussten vor Dieben geschützt werden. Und so saßen sie dort hinter ihren Scherengittern beim Schein der Neonröhren, hörten Radio, schwatzten – oder schauten sich ihr Auto an! Fernsehen gab es damals noch nicht, das wurde in Burma erst zehn Jahre nach unserem Besuch eingeführt! Auffallend war, dass die Leute anscheinend ein großes Sicherheitsbedürfnis hatten. Nicht nur die Parterrewohnungen – was man ja verstehen konnte – waren mit Scherengittern gesichert. Auch die Fenster in den oberen Geschossen waren vergittert. Das schien ja hier eine gefährliche Gegend zu sein …

Der Zug nach Mandalay fuhr um 6 Uhr morgens ab. Der Bahnhof erinnerte mich an Filme aus den 30er Jahren. Es war dunkel, die Leute lagen auf den Bahnsteigen, oft in Decken eingehüllt. Meinen Krokoleder-Diplomatenkoffer hatte ich im Hotel zur Aufbewahrung abgegeben. Immerhin wurde der Zug von einer Diesellok gezogen. Ich erinnere mich, dass die Bahnstrecke in weiten Gebieten völlig unter Wasser stand, man sah über Kilometer hin kein Gleis. Aber Spaß machte es! Wir erreichten Mandalay um zehn Uhr am Abend. Und wurden schon ‚erwartet‘! Von den Mitarbeitern des Toyota-Express. Das waren Leute, die Fahrten für Hippies in Upper Burma organisierten. Bis zu zehn Mann auf dem Toyota Pickup, Gepäck auf dem Dach. Empfindliche Gemüter durften gegen Aufpreis im Fahrerhäuschen sitzen. Mandalay-Bagan-Inle-Mandalay in vier Tagen. Nichts für Weicheier. Und absolut nicht zu empfehlen! Wir folgten einem Schlepper zu einer Bruchbude namens Mann Shwe Myo.

Am nächsten Tag besichtigten die üblichen Sehenswürdigkeiten, darunter den Mandalay Hill. Wenn ich mich recht entsinne, besuchten wir auch den Mahamuni-Buddha aber er machte offenbar keinen bleibenden Eindruck auf mich. Super war es am Ufer des Irrawaddy, wie der Ayeyarwady damals noch hieß: direkt am Ufer vor dem Deich stand ein Pfahldorf und dort tobte das Leben. Der Höhepunkt jedoch waren die Wasserbüffel, die die schweren Teakholzstämme aus dem Wasser den Deich hinauf  zogen. Manchmal waren auch uralte LKWs im Einsatz und wenn die es nicht schafften, wurden ein paar Wasserbüffel davor gespannt und dann lief die Chose! Auffallend waren die Kinder: alle sehr freundlich und jedes machte mit den Finger das V-Zeichen und rief laut ,Peace Peace’ – was das sollte, weiß ich auch nicht. Hatten vielleicht mal ein paar Hippies eingeführt, die das Land besuchten…

Von Mandalay flogen wir nach Bagan, wo wir im Moe Moe Guesthouse wohnten – für ganze drei Dollar! Das große Erdbeben 1975 war gerade zwei Jahre her gewesen und ganz Bagan war eine Baustelle. Aber eine imponierende! Mit Glück und Geschick gelang es uns sogar noch ein Flugticket von Bagan nach Rangoon zu ergattern. Ich war völlig begeistert von meinem ersten Besuch in Burma und schwor mir, dass dies nicht mein letzter Besuch hierzulande sein würde – dass ich aber schon drei Monate später wieder dort sein würde, hätte ich allerdings nicht gedacht…

Gurkha-Tempel in Pyin Oo Lwin

Seitdem ich in meiner neuen Wahlheimat Pyin Oo Lwin (Maymyo) lebe, hat mich das offensichtlich multikulturelle Leben dort fasziniert. Die Stadt wurde 1885 als Hill Station von den Briten begründet, wobei Colonel May (5. Bengal Infantry) eine führende Rolle spielte. Wenn man an den Namen des Colonels das burmesische Wort für Stadt (myo) anhängt, ergibt sich Maymyo. So einfach ist das. Sie diente während der britischen Kolonialzeit als Sommerresidenz des britischen Gouverneurs. Aus dieser Zeit sind noch zahlreiche kolonialzeitlich Bauten erhalten, die der Stadt ihren besonderen Reiz verleihen. 1990 wurde die Stadt in Pyin Oo Lwin umbenannt, was der Name einer Shan-Siedlung war, die sich schon lange vor der Gründung der Hill Station dort befand. Obwohl die Stadt im Shan-Gebirge liegt, gehört sie administrativ zur Region Mandalay. Heute wird sie weitgehend geprägt durch die Militärakademie, überall sieht man Kadetten in Uniform. Pyin Oo Lwin könnte man fast kosmopolitisch nennen. Hier leben bis heute Angehörige vieler Minderheiten, die in der britischen Kolonialzeit eine bedeutende Rolle spielten. An erster Stelle sind da natürlich die Inder zu nennen. Ich stehe erst am Anfang meiner Forschungen hier und habe mich bisher vor allem den Gurkhas beschäftigt, daneben mit Hindu-Tempelfesten (s. mein Artikel Deepavali).

Die meisten Nepalesen in Myanmar sind die Nachfahren von Soldaten, die in der britischen Kolonialarmee gedient haben. Etliche Gurkhas haben nach der Unabhängigkeit Myanmars (1948) auch in der burmesischen Armee gedient. Etwa 8.000 Nepalesen leben heute in Pyin Oo Lwin, dem früheren Maymyo. Wahrscheinlich, weil es sie an ihre Heimat erinnert. Es ist kühler als in der heißen Ebene Myanmars und es gibt sogar ein paar Hügel. Bisher habe ich in der Gegend drei Tempel ausfindig gemacht, die von Gurkhas besucht werden: Einen in der Downtown von Pyin Oo Lwin, einen anderen ca. 6 km vom Stadtzentrum and der Mandalay-Lashio Road und einen weiteren in dem Ort Anisakhan, der ca. 12 km von Pyin Oo Lwin entfernt ist.

Der Pashupatinath-Tempel:

Der wichtigste Tempelkomplex der nepalesischen Gorakha (Gurkha) Gemeinde liegt am südlichen Ende der Aung Zeya Road in Maymyos Downtown. Besagter Tempelkomplex wird in der Regel Pashupatinath-Tempel genannt. Was nicht ganz richtig ist, denn streng genommen handelt es sich um zwei Tempel: Den großen Durga-Tempel und den kleineren Pashupatinath-Tempel. Ersterer ist der Göttin Durga geweiht, die von den Burmesen als Nat unter dem Namen Durga Maedaw verehrt wird. Er spielt bei dem Tempelfest, über das ich unten berichte, nur eine Nebenrolle. Der kleinere Pashupatinath-Tempel hat eine interessante Geschichte, obwohl er noch gar nicht so alt ist. Er wurde 1964 vom nepalesischen König Mahendra (1920-1972) gestiftet. Der König wurde von den in Myanmar lebenden Nepalesen als Schutzherr betrachtet. Die Monarchie ist allerdings in Nepal seit 2008 abgeschafft. Der Tempel ist dem Gott Shiva geweiht, der von vielen Gläubigen als Schutzherr Nepals verehrt wird. Hier in seiner Form als Pashupati, d. h. Herr der Tiere. Eine sehr alte Inkarnation des Gottes, denn bereits in der Induskultur (3. Jahrtausend B.C.) war eine ähnliche Gottheit Gegenstand der Verehrung. Vor dem Tempel steht eine Statue des Bullen Nandi, Reittier Shivas und eine von Hanuman, allgemein gern als ‚Affengott‘ bezeichnet. Was natürlich eine etwas krude Vereinfachung ist.

Als Vorbild für diesen Tempel gilt sein weltberühmter Namensvetter im Kathmandutal, eine der wichtigsten hinduistischen Pilgerstätten der Welt. Sie liegt am Bagmati-Fluss, einem Nebenfluss des Ganges, und besteht angeblich seit ca. 400 B.C.! Der Tempel in Pyin Oo Lwin selbst ist relativ unspektakulär, zwei Stiftertafeln (eine in Burmesisch, die andere in Nepali) erzählen die Geschichte seiner Stiftung. Dahinter befindet sich ein interessantes Labyrinth, in dessen Zentrum ein runder Tempel steht, der einen Shivalinga (häufig vereinfachend als Phallussymbol gedeutet) enthält. Das Labyrinth ist aus Ziegeln gemauert (so vermute ich), die mit Marmorplatten verkleidet wurden. Insgesamt 64 marmorne Shivalingas sind in unregelmäßigen Abständen auf den Mauern des Labyrinths aufgestellt. Leider war niemand im Tempel in der Lage, mir zu erklären, was es mit dem Labyrinth auf sich hat. Angeblich soll es nach dem Vorbild eines ähnlichen Bauwerks im Pashupatinath-Tempel im Kathmandutal errichtet worden sein. Allerdings ist mir ein solches Bauwerk dort nicht bekannt und auch Freunde, die dort Bescheid wissen als ich, kennen es nicht. Hinter dem Labyrinth befindet sich ein kleinerer Tempel mit den neun Planetengottheiten (navagraha). Diese unterscheiden sich deutlich von ihren burmesischen Artgenossen. So ist z. B. der Nordosten dem Shiva in seiner Form als Ishana (vgl. Isan/Thailand) geweiht, während in Myanmar der Adler (Garuda) sein Symboltier ist.

Shivaratri (die Nacht des Shiva) ist eines der wichtigsten Feste für die Anhänger des Gottes, die Shaivas genannt werde. Es fällt immer auf die Nacht zwischen dem 13. und 14. Tag des Hindu-Monats Phalgun und symbolisiert den Sieg des Lichtes über die Finsternis und das Ende des Winters. Im Volksglauben wird sie als die Hochzeit von Shiva und Parvati gedeutet. Im Gegensatz zu den meisten Festen der Hindus wird dieses Fest nachts gefeiert. Es geht über drei Nächte, der Höhepunkt ist die letzte Nacht. In den Tempeln werden Tausende von Öllämpchen aufgestellt. Überall sieht man Opfergaben, überwiegend Früchte. Es wird gefastet, meditiert, es werden Gebete gesprochen und das Mantra OM Namah Shivaya (OM ist der Name Shivas) pausenlos rezitiert. An diesem Tag sah ich auch erstmals eine Prozession in dem Labyrinth. Viele Frauen mit Kindern wandelten durch seine engen Gassen und die Shivalingas wurde mit Milch übergossen. Etliche Gläubige ließen Kleidungsstücke als Opfergaben dort zurück. Es war ein unbeschreiblich stimmungsvoller Abend mit vielen Gläubigen, viele in Festtagsgewänder gekleidet. Einige verrichteten dort ihre frommen Werke, andere standen nur da und unterhielten sich. In der Festhalle hatten sich viele Gläubige versammelt und lauschten der Musik.

Ballonfest in Pyin Oo Lwin

Das Ballonfest in Taunggyi (nahe dem Inle-See) ist inzwischen weltberühmt! Das machen wir auch, sagten sich die Stadtväter (oder wer auch immer) in Pyin Oo Lwin, dem früheren Maymyo. Auch hier oben möchte man den internationalen Tourismus ankurbeln, denn bisher ist die Stadt eher das Ziel von einheimischen Sommerfrischlern, die der Hitze des Tieflandes entfliehen wollen. Und es gibt viele, viele Hotels mit einer langen Off-Season.

Das Ballonfest fällt zeitlich mit dem in Taunggyi zusammen, also um den Vollmond von Tazaungmon (Oktober/November) herum. Es korrespondiert zeitlich mit dem Loi Kraton Fest (Lichterfest) in Thailand. Wenn ich richtig informiert worden bin, dauert es fünf Tage. Der Höhepunkt ist der Vollmondtag. Der Startplatz der Ballons liegt ca. 10 km östlich vom Stadtzentrum Pyin Oo Lwins (Purcell Tower) entfernt. Die große, grell beleuchtete goldene Maha An Too Kantha Pagode ist von dort gut zu sehen und sicher kein schlechter Platz, um die Ballons aufsteigen zu sehen. Die am Startplatz aufgebaute (kostenpflichtige!) Tribüne bietet in dieser Hinsicht eher weniger. Die Ballons entschwanden zumindest bei unserem Besuch schnell aus dem Blickfeld der dort Sitzenden. Hängt natürlich vom Wind ab. Wie in Taunggyi hängen an den Heißluftballons Feuerwerksgondeln. Das Feuerwerk geht los, wenn die Ballons eine gewisse Höhe erreicht haben. So zumindest der Plan! Es kommt allerdings auch vor, dass der Start sich verzögert oder der Wind den Ballon seitlich davontreibt. Womöglich in die Zuschauertribünen… Vorsicht ist auf jeden Fall geboten!!

Wir waren etwas enttäuscht: Die Anzahl der startenden Ballons ist erheblich geringer als die in Taunggyi! Dort gehen in regelmäßigen Abständen die Ballons zügig hoch. Bis in den frühen Morgen. Davon ist man in Pyin Oo Lwin noch weit entfernt. Zwischen den Starts der einzelnen Ballons liegen recht lange Zeiträume. Dafür vermag auch die Cultural Show mit traditionellen Tänzen usw. nicht zu entschädigen. Trotzdem war unser Besuch (wir waren zweimal dort) dort sehr lohnend. Der Rummel auf dem großen Festplatz war der Hit! Zuvörderst natürlich die üblichen Fressbuden und Verkaufsstände für Waren aller Art (Textilien dominieren). Marktschreierisch angeboten. Oftmals über Lautsprecher. Die Fahrgeschäfte waren gut besucht und erstaunlich modern. Eine riesige, grell beleuchtete Schiffsschaukel war besonders beliebt. Niedlich die Kinderkarussells, auf denen die Kleinen meist mit todernsten Mienen saßen, während die stolzen Eltern ihnen zuschauten. Zu meinem Bedauern gab es die schönen alten Riesenräder dort nicht, die durch junge Männer in Schwung versetzt werden, indem sie darin herumklettern. Statt dessen erstaunlich modernes Gerät. Für die Leute aus dem Nördlichen Shanstaat ist dies wohl das Erlebnis schlechthin.

Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein
hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.

Also sprach Goethe! Auch ein großes Festzelt, in dem traditionelles Schauspiel (pwe) dargeboten wurde, fehlte nicht. Ebenso wie Zuckerwatte, Buden, an denen man für 1.000 Kyat sechs Bälle bekam, mit denen man auf Preise werfen konnte! Ich gewann etliche Flaschen ungenießbarer Limonade. Aber meine Angestellten haben sich gefreut. Und alle Grausamkeiten der burmesischen Küche, darunter mein Liebling: We‘ Thar Tho Hto. Innereien vom Schwein, die auf kleinen Spießchen verkauft werden. Man sitzt im Kreis um den Kessel mit dem Sud und tunkt seinen Spieß hinein. Scharfe Würze gibt’s gratis dazu. Spottbillig! Habe mich noch nicht getraut, die Spieße zu probieren. Aber dazusetzen würde ich mich schon gern mal. So muss es zu fernen Zeiten zugegangen sein, als die Urväter der heutigen Burmesen noch als Nomaden die Gegend hier unsicher machten. Auch bayi‘ kyaw (geröstete Grillen) dürfen nicht fehlen. Es ist übrigens erstaunlich kalt um die Jahreszeit, Pyin Oo Lwin liegt 1.200 m über N.N. Also warm anziehen! Mein Tipp: Unbedingt hingehen!

Deepavali in Pyin Oo Lwin


Fatal error: Allowed memory size of 67108864 bytes exhausted (tried to allocate 20480 bytes) in /www/htdocs/w018c62c/azureskytoursmyanmar.com/wp-content/plugins/elementor/includes/base/controls-stack.php on line 1821

Fatal error: Allowed memory size of 67108864 bytes exhausted (tried to allocate 28672 bytes) in /www/htdocs/w018c62c/azureskytoursmyanmar.com/wp-includes/wp-db.php on line 2033