Happy Thingyan!

Das ausgefallene Wasserfest 2020 wird allen Leuten hier in Myanmar definitive für lange Zeit in Erinnerung bleiben. Vor allem die Älteren empfanden den Ausfall womöglich als Segen: Keine laute Musik, keine Horden von Betrunkenen. Stattdessen meditative Stille. Für viele junge Leute war es sicher eine große Enttäuschung. Auch für jene, die mit dem Aufbau und der Vermietung von Tribünen viel Geld verdienen. Und auch LKW-Besitzer sowie Musiker und Tänzer mussten leiden. Wie auch immer, ich wünsche euch allen ein frohes Neues Jahr 1382 Burmese Era. Diese Zeitrechnung (thekari’) wurde früher in weiten Teilen Südostasien benutzt. Heutzutage sieht es so aus, dass sie nur noch Myanmar von Bedeutung ist. Sie wird zur Datierung traditioneller Feierlichkeiten benutzt. Manch ein Leser mag sich schon Gedanken darüber gemacht haben, warum die Daten burmesischer Festivals sich dauernd ändern. In einem Jahr fällt Thadingyut in den Oktober, im nächsten dann in den September. Das Neujahrsfest hingegen ist immer am 17. April. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die Burmesen einen Lunisolarkalender benutzen. Die Monate folgen dem Mondkalender, die Jahre hingegen dem Sonnenkalender. Daher wird regelmäßig ein Schaltmonat (2nd Waso) eingefügt.

Was passiert denn nun eigentlich genau an Thingyan? Das burmesische Wort ist eine Verfälschung des Sanskritwortes Sankranti, das Übergang bedeutet. Um diesen Tag herum wandert die Sonne ins Sternbild Widder. Wie allgemein bekannt, beginnt das Wasserfest am 13. April. Es ist noch nicht sehr lange her, dass die Thingyan holidays zehn Tage dauerten. Vor einiger Zeit wurden sie verkürzt, um zu verhindern, dass das ganze Land für so eine lange Zeit still steht. Jedoch: Keine Sorge! Die ‘verlorenen’ Tage werden nachgeholt, indem andere Feiertage verlängert werden, z. B. Thadingyut.

Am 17. April kommt der Götterkönig Thagyarmin (Sakka), der Herrscher von Tavatimsa, mit seinem wunderschönen Prachtwagen aus seinem himmlischen Domizil auf die Erde hinunter. Der Wagen wird von Matali gelenkt. Dieser trägt zwei Bücher mit sich. Eines mit goldenem Einband, das andere mit einem Einband aus Hundeleder. In einem sind die guten Taten der Gläubigen notiert, in anderen die schlechten. Vielleicht könnt ihr mal raten, welche Taten in welchem Buch festgehalten werden … Dann belohnt Thagyarmin jene, die mit guten Taten Verdienste erworben haben und bestraft jene, die das Gegenteil getan haben. Oben stehendes Foto zeigt den Eingang eines verfallenden kleinen Tempels in Indein (Inle Lake). Links sieht man Matali, der in sein Buch schreibt. Rechts ist Thagyarmin zu sehen, der aus einem Kännchen den Nektar der Unsterblichkeit (amrita, ambrosia) ausgießt. Diese Figur ist auch auf den Shwedagon oft zu sehen, z. B. an den Planetenandachtsstätten. Er ist derjenige, der hinter der Buddhastatue steht und eine Sakralmuschel (conch) in den Händen hält. Aus dieser gießt er den Nektar der Unsterblichkeit über die Buddhastatue.

Wie zu erwarten, gibt es mehrere Legenden über das Wasserfest. Eine davon erzählt die Geschichte des Roten Brahma (Athi). Der ging eine Wette mit Thagyarmin ein, in der er behauptete, dass die Woche acht Tage hat. Der Verlierer sollte seinen Kopf einbüßen. Nach burmesischem Verständnis hatte er sicher Recht, aber das half ihm nicht viel. Widerstrebend schlug ihm also Thagayarmin den Kopf ab. Um ihn jedoch am Leben zu halten, sandte er einen weisen Mann aus, den er beauftragte, ihm den Kopf des ersten Lebewesens zu bringen, dem er begegnete. Dies war ein goldener Elefant. Seitdem ist er unter dem Namen Maha Peinne (große Wonne) bekannt. Er ist den Menschen zugetan, weil einer von ihnen ihm das Leben gerettet hat. Mahapeinne ist mit der Hindu-Gottheit Ganesh identisch. Die Burmesen verehren ihn als nat (siehe nebenstehendes Foto im Geisterschrein von Mt. Popa). Wie auch immer, der wieder gewonnene Kopf löste ein anderes, viel schwerwiegenderes Problem nicht. Athi’s abgeschlagener Kopf war so heiß, dass er die ganze Erde verbrannt hätte, wenn er sie berührte. Daher übergab Thagyarmin den Kopf an sieben Göttinen (nat thami), die ihn abwechselnd für je ein Jahr aufbewahren sollten. Zu Thingyan wurde der Kopf an die Nächste übergeben. Und um den Kopf abzukühlen, wurde er ausgiebig mit Wasser begossen. Generell kann man wohl davon ausgehen, dass durch die Wassergüsse die Sünden des vergangenen Jahres abgewaschen werden sollten. Zudem stellt es eine Bitte um Regen dar. Oftmals fällt der erste Regen zur Zeit des Wasserfestes.

Einer anderen Legende zufolge versprach Thagyarmin’s dem Buddha Gautama, sich um die Menschen zu kümmern. Vor allem in der zweiten Hälfte der 5.000 Jahre, die seine Lehre überdauern sollte. Denn ursprünglich waren es nur 2.500 Jahre, die Verlängerung wurde auf Thagyarmin’s Bitte hin gewährt. Daher kommt er jedes Jahr zum Wasserfest zur Erde hinab, um zu sehen, ob alles seine Richtigkeit hat. Üblicherweise tut er das nur, wenn sich sein Thron aufheizt. Das bedeutet, dass irgendwo in der Menschenwelt etwas nicht in Ordnung ist. Wenn man sich die Welt heute anschaut, fragt man sich, ob er überhaupt noch Zeit hat, auf seinem Thron zu sitzen. Gemäß der buddhistischen Lehre sind die Menschen Nachkommen von Wesen, die ursprünglich in den oberen Regionen (bhumi) des Mt. Meru lebten. Nach der Zerstörung der niederen Welten kamen sie auf die Erde hinab. Sie waren ätherische Wesen, die frei von den drei unheilbaren Wurzeln (akasamulas), d. h. Gier, Zorn und Ignoranz (lobha, dosa, moha). waren. Alle ihre Bedürfnisse wurden durch den Wunschbaum (burm.: padetha pin, Sanskrit: kalpavriksha) gedeckt, der auf dem Nördlichen Kontinent (Uttarakuru) stand (siehe Foto aus dem Pawon Tempel, Java, 8. Jhdt. A.D.) Wir können davon ausgehen, dass kein Wunsch unerfüllt blieb, den das Teil hatte einen Durchmesser von 15 yuzanas (ca. 300 km). Allerdings hatte die Sache einen Haken: Niemand durfte mehr als das vom Wunschbaum pflücken, als er benötigte. Das scheint auch eine Weile geklappt zu haben. Doch dann wurden die Menschen von der Gier (lobha) überwältigt und begannen, die ‚Früchte‘ des Baumes zu horten. Wie zu erwarten, entwickelten sich daraus Konflikte, die zu Streitigkeiten führten und schließlich brachen Kämpfe (dosa) aus. Der Baum verkümmerte. Dann aßen die ätherischen Wesen von der ‚süßen Erde‘ und mutierten zu körperlichen Wesen. Dadurch verloren sie ihre Leuchtkraft und bekamen Angst vor der Dunkelheit. Daraufhin bat Thagayarmin den Sonnengott, den Mondgott und die Götter der Sterne sich den Menschen zu zeigen. Seitdem erleuchten sie Tag und Nacht. (man beachte die Ähnlichkeit mit der Vertreibung aus dem Paradies).

Doch keine Sorge, die Wunschbäume sind nicht für immer verloren! Einmal im Jahr feiern sie ein Comeback, und zwar zum Kathein-Fest (im Monat Tazaungmon/Oktober-November). Dann werden überall im Lande pyramidenförmige hölzerne Gestelle aufgebaut (Weihnachtsbäumen nicht unähnlich), die padetha pin genannt werden. Die Gläubigen dekorieren sie mit Geschenken für das Kloster. Ursprünglich wurden nur Mönchsroben geschenkt, aber heute finden sich alle möglichen Gebrauchsgegenstände an diesen Gesellen. Dadurch erhalten auch arme Leute die Chance, etwas für ihr Karma zu tun, indem sie ein kleines Geschenk dranhängen. Auch Geld wird gespendet, oft in originellen Formen (siehe Foto). Dies widerspricht im Grunde genommen den Ordensregeln, denen zufolge ein Mönch kein Geld berühren darf. Wenn der ‘Baum’ voll ist, wird er mit großem Brimborium zum Kloster gebracht. Andere Aktivitäten an diesem Tag umfassen Wettbewerbe im Weben von Mönchsroben. Frauen und Mädchen aus verschiedenen Dörfern/Stadtteilen weben um die Wette. Wer zuerst fertig ist, hat gewonnen und erwirbt viel Verdienst.

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